„Der Kopf des Betriebes“

Von Almbauer Johann Meißnitzer

Die Wansing-Alm liegt in der Gemeinde Rennweg am Katschberg im sogenannten Wolfsbachtal. Die Alm wurde auch in jener Zeit weiterhin bewirtschaftet, wo andere in der Meinung aufgegeben wurden, dass eine Almbewirtschaftung keine Rentabilität mehr zeige. Die Eigentümer wussten den Wert Ihrer Alm immer zu schätzen und waren bereit auch Investitionen zur Erhaltung und Modernisierung ihrer Alm zu tätigen. Ob Kraftwerksbau, Gebäudebauten oder die Schaffung von neuen Futterflächen mit dem Kärntner Almrevitalisierungsprogamm, die Wansing-Alm kann sich sehen lassen.

Die Wansing-Alm erstreckt sich über einen Seehöhenbereich von 1700 m (Kuhalm) bis 2500 m (Hochalm). Es werden 40 GVE gealpt (20 Kühe und Jungvieh). Unsere Alm ist in einem weiten Talkessel eingebetet und wird im Norden durch die Sternspitze (2497 m) und Wandspitze (2600 m) begrenzt. Diese geschützte Lage ermöglicht eine einzigartige Blumenvielfalt. Daher auch der Name: Das Tal der „1000 Orchideen“.

Almbewirtschaftung nie aufgeben

Bei uns wurde die Almwirtschaft nie aufgegeben. Unsere alte Sennhütte ist mehr als 300 Jahre alt. Die im Jahre 1950 neu errichtete Sennhütte wurde im Jahre 1966 bei einem Starkregenereignis durch eine riesige Erdmure zerstört. Die damalige Sennerin (meine Tante) war erst 16 Jahre alt. Sie konnte sich gerade noch auf den Dachboden retten. Obwohl mein Großvater noch einige Almsommer in der stark verwüsteten Almhütte verbrachte, musste das Gebäude schließlich abgetragen werden. Die heutige Hütte wurde aus Sicherheitsgründen ca. 300 m vom ursprünglichen Standort entfernt, errichtet.
Die Alm hatte für unseren landwirtschaftlichen Betrieb immer eine wichtige Bedeutung. Meine Vorfahren bezeichneten die Alm zu Recht als „Kopf unseres Betriebes“.
Der wiederaufbau des Almgebäudes fiel in eine schwierige Zeit. Es war keine einfache Entscheidung, denn damals wurden viele Almen stillgelegt. Sämtliche Baumaterialien mussten mit dem Traktor auf die Alm gebracht werden. Der Stall wurde für 18 Kühe ausgebaut und die Hütte sollte so errichtet werden, dass später einmal, wenn es die Zeit erlaubt, eine Vermietung (Ferienwohnung) ermöglicht wird. Damals wurde mein Vater von seinen Berufskollegen als „wahnsinniger“ Bauer bezeichnet, denn nach ihrer Meinung hatte die Almwirtschaft keine Zukunft. Warum also solche Investitionen tätigen, fragten sich viele. Trotz des Belächelns der anderen ließ er sich, gestärkt vom Großvater, von seinem Vorhaben nicht abbringen. Heute nach 35 Jahren etabliert sich in Fachkreis die Wansing-Alm als musterhaftes Vorzeigestück.


Bau eines Wasserkraftwerkes

Bis 1977 wurden die Kühe mit der Hand und bei Petroleum-Licht gemolken. 1978 entschloss sich mein Vater, auf Anregung des damaligen Förderbeamten Ing. Helmut Grall von der Agrarbezirksbehörde Villach, ein Wasserkraftwerk (Francis Turbine), mit einer Leistung von 17 KW von den Kössler Werken zu errichten. Der nahe gelegene Bach wurde gefasst und mit einer 250 m langen Druckrohrleitung zum Krafthaus geleitet. Auf diesen Tag freuten sich mein Vater und meine Mutter schon lange: endlich mit der Maschine melken, Strom, warmes Wasser, Elektroheizung. Eine wahre Wohltat nach der täglichen schweren Handarbeit am Heimbetrieb (Zone 4).

Der Tagesablauf im Sommer war hart. Am Abend fuhren wir zum Melken auf die Alm. Wir übernachteten auf der Alm, um sehr früh zu melken, denn die Milch musste um 7.00 Uhr in Rennweg gestellt sein. Dort wird sie auch heute noch zum Weitertransport in die Molkerei abgeholt.
1990 wurde ein Kälberstall, eine Milchkammer und eine dem neuesten Stand der Technik entsprechende Rohrmelkanlage für drei Melkzeuge errichtet. Der Almauftrieb beginnt Mitte Juni, die Alpzeit dauert 120 Tage, also bis Anfang Oktober, je nach Witterung.

Die Almwirtschaft den Kindern vermitteln

Meine Eltern haben 32 Jahre die Almwirtschaft vorbildlich betrieben. Seit 1999 sind wir, meine Frau Waldtraud mit unseren 3 Kindern, Katharina 6, Hansi 4 und Therese 1 ½ und ich auf der Alm. Wie ich es als Kind erleben durfte, werden auch unsere Kinder verstärkt in das Almleben eingebunden, damit sie die Notwendigkeit der Almwirtschaft begreifen lernen. Nach und nach wurden Almflächen dazugekauft. Ursprünglich waren es 40 ha, heute umfasst unsere Alm 106 ha. Der Betrieb vergrößerte sich langsam.
Nachdem ich die landwirtschaftliche Fachschule Litzlhof absolvierte, wusste ich, dass auf unserer Alm etwas Einmaliges geschaffen wurde. 1990 wurden umfangreiche Schwendmaßnahmen gesetzt. Das Schwendholz wurde in der am Heimbetrieb neu errichteten 80 KW starken Fernwärmeanlagen verheizt. Weiters wurde begonnen, unsere Bergmahdflächen zu rekultivieren. Jedes Jahr wurde ein Stück Wiese geschaffen.
Nachdem die Kühe nachts im Stall bleiben, fällt viel Rindermist an. Dieser wird gut aufbereitet auf die 8 ha große Bergmahdfläche ausgebracht. Ertrag und Qualität (anfangs Bürstlingsrasen) der Bergmahd ließen nicht lange auf sich warten. Heute wird ein Drittel (40 Ladewagen) des benötigten Raufutters von der Alm als Winterfutter zum Heimbetrieb transportiert.
In den letzten 40 Jahren konnte man beobachten, dass die Baumgrenze stetig nach oben rückte. Die Almflächen wuchsen langsam zu, Futterflächen für das Jungvieh war kein Problem. Zusätzliche gute Futterfläche für die Milchkühe, die Leistungen von mehr als 20 Liter Milch erbringen, war kaum erfüllbar.

Almrevitalisierung

Nach langem Grübeln und Diskutieren war die Lösung zwischen Alt und Jung ausgebrütet. Wir schafften uns zusätzlich eine 6 h große Futterfläche. Wie gewünscht lief das Kärntner Almrevitalisierungsprogramm an. Zu Beginn holten wir alle notwendigen behördlichen Genehmigungen ein, wie z.B. von der Wildbach- und Lawinenverbauung, der Forstbehörde und der Naturschutzbehörde. Dann wurde mit dem Abholzen der Flächen begonnen und herausragende Steine wurden mittels Bagger entfernt.
Sehr gute Anregungen über die Vorgansweise des Mulchens, der Einsaat und die nachhaltige Bewirtschaftung gab mir mittlerweile mein Freund Dr. Karl Buchgraber von der BAL Gumpenstein. Von ihm konnte ich immer wieder gute Ratschläge einholen. Den Erfolg habe ich wohl auch ihm zu verdanken.
Mit Kribbeln im Bauch begann sich die Forstfräse mit 320 PS von Lohnunternehmer Richard Steinwendner aus Wels durch die Stöcke und Erde zu fräsen. Nach 16 Stunden war eine Fläche von 6 ha nicht mehr zu erkennen. Vorher sah man Heidekraut und Wurzelstöcke sowie Alpenrose und Wacholder. Nach der Begrünung hatten wir eine mähfähige Fläche. Nach Auswertung der Bodenprobe (ph-Wert 3,9) entschlossen wir uns, 12 Tonnen Kalk zu streuen.

 

Einsaat im Herbst

Die Zusammensetzung der Sämereien wurde nach langjähriger Versuchszeit auf der Alm, von mir selbst erstellt. Wir entschlossen uns, eine Schlafsaat durchzuführen. Dabei erfolgte die Aussaat im Herbst (15. November) auf gefrorenem Boden, das Saatgut „schläft“ über den Winter, um im Frühjahr die Winterfeuchtigkeit und die Bodenwärme zur Keimung optimal zu nutzen. Nun war Kritik angesagt. Die „Wahnsinn-Saat für den Winter“, sagten einige. Im darauffolgenden Jahr ging die Saat auf. Bereits im August konnten wir mit den Kühen eine leichte Beweidung durchführen. Ertrag und Qualität übertrafen bei weitem unsere Vorstellung.
Für Trockenjahre wurden Quellwässer zu kleinen Teichen zusammengeleitet, welche für Tränken, vorwiegend jedoch für die Bewässerung der Fläche dienen. Gedüngt wird im 4-Jahres-Zyklus, damit die Fläche nicht „aushungert“. Nun wird eine intensive Portionsweide betrieben, die sich in unübertroffener Weise positiv auf die Leistung der Milchkühe niederschlägt.


Urlaub und Schule auf der Alm

Ein landwirtschaftlicher Almbetrieb kann nur auf Nachhaltigkeit ausgerichtet werden. Seit längerer Zeit werden auch „Urlaub auf der Alm“ und „Schule auf der Alm“ angeboten. Kinder wird der Umgang mit Tieren, das Füttern und Melken, aber auch die Natur hautnah vermittelt. Die Nachfrage unterstreicht unser Bemühen, denn Kinder wissen oft nicht einmal woher die Milch kommt. Die Gäste schätzen die Schönheit der Natur, welche mit den Händen des Bauern geformt wird. Somit hat sich unsere Alm zu einem unverzichtbaren Betriebskapital, das bereits vor Jahrzehnten angepeilt wurde, etabliert. Aber auch wir schauen in die Zukunft und so planen wir die Almwirtschaft noch stärker auszubauen. Denn der Heimbetrieb wird dadurch noch stärker entlastet.
2002 wurde auf unserer Hochalm (2150 m) eine Halterhütte zur Jungviehaufsicht errichtet. Mein Großvater errichtete schon 1960 einen Aufschließungsweg in die Hochalm. Somit ist bei Schlechtwetter eine sichere Behirtung gegeben. Im Winter 2003 wurde ein neuer Maßnahmeplan zur Almrevitalisierung erarbeitet und eine weiter 2 ha große Fläche wurde revitalisiert. So konnte eine weitere Qualitätsfutterfläche geschaffen werden. Um Erfolg zu haben, braucht man einen gewissen Weitblick und Zeit, also das, was mein Vater und Großvater hatten. Dass wir heute als vorbildlicher und allein stehender Almwirtschaftsbetrieb in unserer Region tätig sind, verdanken wir unseren Eltern und Großeltern. Unter www.wansing.at können Sie einen Blick auf unsere Alm werfen.

 

Alm und Bergbauer [Oktober 2005]